Babe
(Oliver) Norvell Hardy erblickte
am 18. Januar 1892 in Harlem, Georgia, als Sohn von Emily (geborene
Norvell) und Oliver Hardy das Licht der Welt. Während die Familie
seines Vaters auf eine lange Tradition als treue Diener der britischen
Krone zurückblicken konnte (ein direkter Vorfahre, Sir Thomas
Hardy, agierte bei der Schlacht von Trafalgar als Admiral Nelsons
Flaggenkapitän), waren die schottischen Vorfahren seiner Mutter
im 18. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert. Sowohl Emily (einmal)
als auch Oliver senior (zweimal) waren zuvor bereits verheiratet gewesen
und brachten noch vor der Geburt des kleinen Norvell in ihre gemeinsame
Ehe insgesamt drei Söhne und vier Töchter ein. Die Freude
an seinem zweiten eigenen Sohn sollte für Oliver Hardy jedoch
nicht allzu lange währen. Denn obwohl er bereits bei seiner Vermählung
mit Emily im März 1890 gesundheitlich angeschlagen gewesen war
(und von seinem ursprünglichen Beruf als Vorarbeiter bei einer
Eisenbahngesellschaft als Manager ins Hotelgewerbe gewechselt war),
verstarb er am 22. November 1892 doch recht überraschend aus
nicht näher erforschten Gründen.
Emily, die bereits seit
ihrer Heirat den Gatten bei dessen Tätigkeit im Hotelfach kräftig
unterstützt hatte, bereitete es in der Folgezeit bisweilen erhebliche
Mühe, sich und die Kinder über Wasser zu halten. Doch die
Vermählung ihrer ältesten Tocher, Elisabeth, wendete das
Schicksal der Familie im Jahre 1901 in eine glückliche Richtung:
Elisabeths Schwiegervater entpuppte sich als Mann mit erheblichem
Einfluß, und so siedelte Emily schon bald nach der Hochzeit
ihrer Tochter über nach Milledgeville, Georgia. Dort übernahm
sie die Führung des besten Hotels vor Ort.
Eine
ansteckende Umgebung
Wie ihre übrigen Kinder
ließ sich auch ihr Jüngster von der Atmosphäre im
"Baldwin"-Hotel bald anstecken. Zahlreiche Hotelgäste stammten
aus dem Theater- und Showgeschäft, und so begann Norvell bereits
in jungen Jahren, die Manierismen dieser für ihn faszinierenden
Persönlichkeiten zu imitieren. Da er neben seinem schauspielerischen
Talent auch noch über einen recht ansprechenden Sopran verfügte,
beeindruckte er sowohl die Familie wie auch die Hotelgäste des
öfteren mit entsprechenden Gesangsdarbietungen. Seine eigene
Begeisterung für das Bühnengewerbe ging gar so weit, daß
er in dieser Zeit einmal für mehrere Wochen von zu Hause flüchtete,
um sich als Sänger einer Wandertruppe anzuschließen. Und
nachdem er schließlich reumütig in den Schoß der
Mutter zurückgekehrt war, spendierte diese ihm wiederholt das
Fahrgeld in das über hundert Kilometer entfernte Atlanta, damit
er wenigstens dem Treiben der dort gelegentlich stattfindenden Bühnenshows
beiwohnen konnte. Eines Abends trat im Theater von Atlanta der weltbekannte
Opernsänger Enrico Caruso auf - ein Ereignis, welches Ollie in
späteren Jahren einmal als das größte musikalische
Ereignis seines Lebens bezeichnete.
Mit Norvells Begeisterung
für die Bühne ging freilich auch ein rapider Leistungsabstieg
in der Schule einher, so daß ihn die Mutter auf ein Internat
schickte. Doch der damals 14jährige flehte Emily an, Musik studieren
zu dürfen, um ein berühmter Sänger werden zu können.
Tatsächlich gab die verständnisvolle Mutter dem Wunsch ihres
Sohnes nach und finanzierte diesem daraufhin Unterrichtsstunden am
Musikkonservatorium von Atlanta. Eine Fehlinvestition, wie sich bald
herausstellen sollte, denn ihr Sprößling vermochte den
Unterrichtsmethoden seines Lehrers nicht allzu viel abzugewinnen und
verlegte sich stattdessen bevorzugt darauf, in einem nahegelegenen
Kino vor Publikum ursprünglich "geräuschlose" Diavorführungen
singenderweise aufzuwerten. Um Norvell in Sachen Disziplin gewissermaßen
die Flötentöne beizubringen, verfrachtete ihn die enttäuschte
Mutter in der Folgezeit auf eine Militärschule. Doch auch dort
fühlte sich dieser bald unwohl - vor allem aufgrund seiner Körperfülle,
die sich für militärische Übungen nicht gerade als
vorteilhaft herausstellte. Schuld daran war wiederum sein enormer
Konsum an Lebensmitteln (vor allem Süßem), der dem jungen
Oliver dabei helfen sollte, den frühen Verlust des Vaters zu
überwinden. Hinzu kam, daß in dieser Zeit auch noch Norvells
Bruder Sam vor dessen Augen in einem Fluß ertrank, so daß
das Körpergewicht des seelisch gebeutelten Jungen im Alter von
15 Jahren bereits auf rund 120 Kilogramm angestiegen war. Seine Mutter
zeigte schon bald erneut Verständnis und legte Ollie nun den
Besuch eines Colleges im Norden des Bundesstaates Georgia ans Herz
- nicht zuletzt, um ihn von ihren eigenen Gästen aus der Welt
des Showbusiness fernzuhalten (die Militärschule lag in unmittelbarer
Nähe zu ihrem Hotel). Wieder einmal hatte sie jedoch die Rechnung
ohne ihren Sohn gemacht, denn der hielt es fern von zu Hause nicht
allzu lange aus und konnte die Mutter schließlich dazu überreden,
ihn wieder nach Milledgeville zurückkehren zu lassen.
Erster
Kontakt zum Kino
Dort jobbte er zunächst
im örtlichen Opernhaus (in dem jedoch weniger Opern, sondern
vielmehr gewöhnliche Bühnenshows stattfanden), bevor er
schließlich eine Anstellung im neueröffneten "Electric
Theatre" erhielt, dem ersten Lichtspieltheater der Stadt. Als 18jähriger
kam Norvell somit erstmals mit der Welt des Kinos in Kontakt. Dabei
fungierte er nicht nur, wie ursprünglich vorgesehen, als Vorführer,
sondern gleichzeitig auch als Kartenabreißer, Putzhilfe und
stellvertretender Theaterleiter. Rasch reifte er somit zum Liebling
des Publikums und zu einer stadtbekannten Persönlichkeit heran.
Und schon damals wußte er: "Das, was manche dieser Komiker auf
der Kinoleinwand so zeigen, kann ich eigentlich auch."
1913 erhielt er den Besuch
eines alten Freundes, der ihn vom Aufkommen der Filmindustrie im rund
300 Kilometer entfernten Jacksonville berichtete. Norvell, nachdem
er zuvor drei Jahre lang täglich Filme vorgeführt und gesehen
hatte, kündigte daraufhin kurzentschlossen den Job im "Electric
Theatre" und machte sich auf in die "neue Welt". Dort angekommen,
nahm er zunächst eine Stellung als Darsteller in kleineren Bühnenshows
an und begegnete dabei einer jungen Dame namens Madelyn Saloshin,
die er zuvor bereits im Opernhaus seines Heimatortes Milledgeville
kennengelernt hatte. Madelyn hatte sich inzwischen bereits über
die Grenzen von Jacksonville hinaus einen Ruf als hervorragende Pianistin
erarbeitet. Zusätzlich fasziniert von ihren wunderschönen
Augen, suchte der junge Norvell fortan wiederholt die Nähe dieser
reizenden Person. Und da auch die Umschwärmte den 21jährigen
nicht gerade abstoßend fand, heirateten beide am 17. November
1913 (wobei Madelyn ihr Alter nicht verraten wollte; Freunde schätzten,
daß sie mindestens zehn Jahre älter war als ihr frisch
angetrauter Gatte).
In der Folgezeit teilte
Norvell seinen Tagesablauf sorgfältig ein. Während er und
die Ehefrau abends auf der Bühne standen, schaute er tagsüber
bei den örtlichen Filmgesellschaften vorbei, da ihn die Welt
des Kinos nach wie vor interessierte. Damals nahmen es die Verantwortlichen
der einzelnen Companies noch nicht so genau, und so war es für
Interessenten kein Problem, Dreharbeiten beizuwohnen und die Schauspieler
bei ihrer Arbeit zu beobachten. Wie schon in seinen Jugendjahren im
Hotel der Mutter, verfehlte die Gegenwart der Akteure auch hier nicht
ihre Wirkung auf Norvell. Diesmal hatten es ihm vor allem die Komiker
unter ihnen angetan, und schon bald nahm er einen Aushilfsjob bei
einer Filmgesellschaft an, um noch intensiver am faszinierenden Geschehen
teilnehmen zu können.
Der
Anfang ist gemacht
Eines Tages erhielt er plötzlich
seine Chance: Für eine der geplanten Kurzfilm-Komödien wurde
ein dicker junger Mann benötigt. Die entsprechende Anfrage des
Regisseurs, der sich seiner wohlproportionierten Aushilfskraft entsann,
konnte Norvell natürlich nicht ablehnen, und so kam er in dem
Film "Outwittin Dad" zur ersten Filmrolle seines Lebens. In dieser
wilden Liebesgeschichte, die am 14. April 1914 von der Lubin-Filmgesellschaft
veröffentlicht wurde, spielte er einen rauhen, furchteinflößenden
Burschen, der mit einem Sombrero, einem riesigen Schnauzbart sowie
einem großen Patronengurt um die Hüfte ausgestattet war.
Dabei machte er seine Sache immerhin so gut, daß ihm die Filmbosse
prompt einen regulären Schauspielervertrag anboten. Dieser garantierte
ihm fortan (bei drei Arbeitstagen pro Woche) fünf Dollar Lohn
pro Tag. Zum Zeichen des Gedenkens an seinen Vater legte er sich mit
diesem Beginn seiner Filmkarriere als zweiten Vornamen den Namen Oliver
zu, so daß er sich in der Folgezeit Fremden gegenüber stets
als Oliver Norvell Hardy vorstellte - eine Angewohnheit, die er selbst
in seinen späteren Filme mit Stan Laurel beibehalten sollte.
Fast zeitgleich erhielt er von einem italienischen Friseur, der in
der Nähe des Lubin-Studios seinen Laden betrieb und Ollie des
öfteren rasierte, zudem den Spitznamen "Babe" verpaßt.
Dieser wurde von Ollies Schauspiel-Kollegen sofort aufgegriffen und
diente ihnen und Ollies privaten Freunden fortan als willkommene Kurzformel
anstelle des "richtigen" Vornamens, Oliver Norvell. Obwohl er selbst
nie so recht von diesem Spitznamen angetan war, firmierte er während
der Anfänge seiner Filmkarriere im Vorspann der jeweiligen Streifen
doch auf eigenen Wunsch hin immer unter dem Namen "Babe Hardy". Seine
schauspielerischen Fähigkeiten stellten sich rasch als überdurchschnittlich
heraus, und so avancierte Babe Hardy innerhalb recht kurzer Zeit vom
Lückenfüller zu einem der Starakteure der Lubin-Truppe.
Dabei schlüpfte er in die unterschiedlichsten Rollen - meist
handelte es sich jedoch entweder um besonders komische oder äußerst
erschreckend wirkende "Schwergewichte". Was ihn dabei von den meisten
seiner Kollegen positiv abhob, war die Fähigkeit, bestimmte Gefühle
nicht nur mit dem Gesicht, sondern unter Einsatz des gesamten Körpers
auszudrücken. Wo andere nur ihre Visage per Großaufnahme
in die Kamera hielten, setzte Babe jedes Pfund seiner Körperfülle
ein, um den jeweils erforderlichen Ausdruck glaubwürdig zu vermitteln.
Auf diese Weise drehte er bis August 1915 rund 50 Filme (alles Einakter)
für die Firma Lubin, bevor diese sich aus dem Geschäft zurückzog
und ihre Bestände an die Konkurrenz von Vitagraph übergingen.
Der
Mollige und der Zwerg
Für Babe war dies der
Anlaß, sich verstärkt um seine eigentlich angestrebte Karriere
als Sänger zu bemühen. Auf Anraten eines Freundes begab
er sich zu diesem Zweck nach New York, doch schon bald stellte sich
heraus, daß dort außer ein paar kleinen Filmrollen nichts
zu holen war - an korpulenten Sängern zeigte kein Manager rechtes
Interesse. So kehrte er kurze Zeit später nach Jacksonville zurück
und verdingte sich in einem Rasthaus als singender Alleinunterhalter.
Bei einem dieser Auftritte erweckte er eines Tages die Aufmerksamkeit
eines gewissen Louis Burstein. Der Mitinhaber der Vim Comedy Company,
die inzwischen die früheren Lubin-Studios von der Firma Vitagraph
in Jacksonville übernommen hatte, zeigte sich von dem professionellen
und ausdrucksstarken Auftritt des schwergewichtigen Tenors stark beeindruckt.
Und da Burstein von einem Bekannten zuvor bereits erfahren hatte,
daß es sich bei Babe Hardy um einen erfahrenen Filmkomiker handelte,
engagierte er ihn quasi vom Fleck weg als Darsteller für seine
eigene Company. Babe nutzte die Gelegenheit, zumal es ihm der Job
beim Film ermöglichte, im Anschluß an die Dreharbeiten
abends - musikalisch unterstützt von seiner Frau - in einem Nachtclub
als Sänger auf der Bühne zu stehen. Madelyn hatte es in
der Zwischenzeit zur dortigen Orchesterleiterin gebracht. Seine eigentliche
Passion, die Singerei, verhalf ihm somit zu einem stattlichen Nebeneinkommen.
Dabei scheute sich Ollie nicht, das angehäufte Geld mitunter
großzügig an bedürftige Freunde oder Kollegen zu verleihen
- zu sehr waren ihm die schweren Jahre im Gedächtnis, die seine
eigene Familie nach dem Tode des Vaters zu überstehen gehabt
hatte.
Der erste Film, den er für
die Vim Company drehte, hieß "A Special Delivery" und bildete
den Auftakt einer ganzen Reihe von Streifen, in denen er gemeinsam
mit einem Kollegen namens Billy Ruge agierte. €hnlich wie Laurel und
Hardy in späteren Jahren, bildeten auch diese beiden anno 1916
ein eingespieltes Paar, das innerhalb einer Filmserie mit dem Titel
"Plump and Runt" (frei übersetzt etwa: "Der Mollige und der Zwerg")
in insgesamt 35 Einaktern gemeinsam agierte. Für subtile Scherze
und ausgefeilte Komik, wie sie 20 Jahre später in den Laurel
und Hardy-Filmen zu sehen war, blieb angesichts der kurzen Laufzeit
von zehn Minuten jedoch nicht allzuviel Raum. Insofern beschränkten
sich die "Plump and Runt"-Filme in der Regel auf die seinerzeit üblichen,
temporeichen Prügeleien und Verfolgungsjagden. Doch eines Tages
stellte sich heraus, daß hinter den Kulissen der Vim Company
krumme Geschäfte liefen - einer oder gar beide Inhaber hatten
ganz offensichtlich einen Teil der offiziell für die Schauspieler
bestimmten Firmengelder in die eigene Tasche abgezweigt. Details ließen
sich auch vor Gericht nicht völlig klären, die Vim Company
wurde schließlich von einem Konkurrenten aufgekauft.

Eine
historische Begegnung
Immerhin gelang es Burstein
recht schnell, eine neue Filmgesellschaft ins Leben zu rufen und gleichzeitig
Babe sowie einige andere Kollegen aus der Vim-Ära mit an Bord
des neuen Produktionsschiffes zu nehmen, das er auf den Namen King
Bee Film Corporation taufte. Star der Truppe war Billy West, der seinerzeit
als originalgetreue Charlie Chaplin-Kopie (zweifelhafte) Berühmtheit
erlangte. Als Partner für Billy West setzte Burstein Babe Hardy
ein, und durch entsprechendes Make up besaß die King Bee Film
Corporation plötzlich ein nahezu identisches Double für
das Komikerpaar der Konkurrenz, bei der in zahlreichen Filmen neben
dem eher schmächtigen Charlie Chaplin ebenfalls ein grobschlächtiger
Kerl zu sehen war: Eric Campbell.
Als sein Arbeitgeber den
Firmensitz nach Florida verlegte, entschlossen sich Ollie und Madelyn,
die Herausforderung anzunehmen und ebenfalls in sonnigere Regionen
umzusiedeln. Denn an der Westküste der USA, das hatte sich inzwischen
abzuzeichnen begonnen, wuchs das Zentrum einer stetig wachsenden Filmindustrie
heran. So blieb Babe selbst dann optimistisch, als die King Bee Corporation
schon kurze Zeit nach der Übersiedelung ihren Geschäftsbetrieb
einstellte - für ihn als talentierten Akteur schien es nicht
allzu schwer, inmitten der blühenden Filmwirtschaft einen neuen
Job zu finden. Zunächst verdingte er sich als freier Schauspieler,
wobei ihn die unterschiedlichsten Firmen für Rollen in ihren
jeweiligen Kurzfilmen engagierten. So wurde er eines Tages auch von
dem Regisseur Jess Robbins angesprochen: Ob er Interesse habe, in
einer Komödie des Produzenten Gilbert Anderson mitzuwirken. Dieser
hatte sich unter dem Künstlernamen "Broncho Billy" ein paar Jahre
zuvor zum ersten großen Cowboystar der amerikanischen Filmgeschichte
gemausert, bevor er aufgrund seiner atemberaubenden Schauspielkarriere
innerhalb kurzer Zeit zum Multimillionär aufgestiegen war, die
Essanay Company gegründet hatte und sich fortan als Produzent
einen Namen machte (wobei es eine seiner ersten Amtshandlungen war,
Charlie Chaplin unter Vertrag zu nehmen). Im Laufe von nur drei bis
vier Jahren war es dem ehrgeizigen Produzenten jedoch gelungen, seine
junge Firma kräftig herabzuwirtschaften, und so mußte er
sich in der Folge damit zufrieden geben, hin und wieder eine Kurzkomödie
produzieren zu können. Für eine solche hatte er den Regisseur
Jess Robbins verpflichtet, und der wiederum wandte sich also auf der
Suche nach einem geeigneten Schurkendarsteller an Babe Hardy. Der
Film, um den es ging, hieß "The Lucky Dog". Er sollte den Auftakt
zu einer ganzen Reihe von Kurzfilmen bilden, die Gilbert Anderson
plante. Darin sollte jeweils ein Schauspieler die Hauptrolle übernehmen,
den Anderson beim Besuch einer Theatervorstellung in Los Angeles entdeckt
und spontan verpflichtet hatte: Stan Laurel. Natürlich ahnte
damals, im September 1918, keiner der Beteiligten, welch historische
Begegnung im Laufe der Arbeiten an "The Lucky Dog" vonstatten ging.
So erinnerte sich Stan denn auch Jahre später daran, daß
das erste Aufeinandertreffen der beiden Komikergenies äußerst
unspektakulär verlief: "Wir sind uns während der Dreharbeiten
kaum begegnet, da Babe eine viel kleinere Rolle spielte als ich. Unsere
gemeinsamen Szenen wurden sehr schnell abgedreht, und keiner von uns
dachte damals auch nur im entferntesten daran, daß wir uns danach
jemals wieder begegnen, geschweige denn Partner werden würden."
Knock
out für Madelyn
Nach dieser ersten, flüchtigen
Begegnung mit seinem späteren Standard-Partner drehte Babe für
die Firma L-KO (Lehrmann-Knock Out) ein paar Zweiakter, bevor L-KO
(nomen est omen) der eigene knock out ereilte und Ollie notgedrungen
zu Vitagraph wechselte. Dort agierte er in den Jahren 1919 bis 1921
neben Vitagraphs Starkomiker, Jimmy Aubrey, in zahlreichen Kurzkomödien.
Diese trugen ebenso einprägsame wie unoriginelle Titel wie "Flips
And Flops", "Dames And Dentists", "Pals And Plugs" oder "Switches
And Sweeties". Schnell erarbeitete er sich dabei den Ruf als beständiger
Darsteller, der es verstand, aus seiner jeweiligen Rolle immer etwas
besonderes zu machen. Dabei schien ihm das rasante Tempo, in denen
die einzelnen Streifen jeweils abgedreht wurden (und das sich meist
auf das Geschehen auf der Leinwand übertrug) überhaupt nichts
auszumachen: "Damit hatte ich eigentlich gar keine Mühe, weil
ich das ganze eher als Spiel betrachtete - so, als befänden wir
uns auf einem Football-Spielfeld. Ich liebte meine Arbeit, und ich
glaube, das kam später im Film auch ganz gut 'rüber." Doch
sein Spaß beschränkte sich zu jener Zeit keineswegs nur
auf die Arbeit - angesichts des relativ großen Altersunterschieds
zu seiner Ehefrau, der sich zunehmend in Madelyns €ußerem bemerkbar
machte, richtete sich Ollies Augenmerk vermehrt auch auf so manche
junge Vitagraph-Schönheit. Ende 1919 zog seine Gattin gefrustet
die Konsequenzen und läutete die Trennungszeremonie ein. Aufgrund
diverser Meinungsverschiedenheiten zogen sich die Scheidungsformalitäten
jedoch hin, so daß es erst im November 1920 zur endgültigen
Trennung und gar erst 1936 (!) zu einer letzten finanziellen Einigung
kommen sollte (zu diesem Zeitpunkt lebte Madelyn in New York und hatte
sich zumindest vom Körperumfang her ihrem Ex-Gatten angepaßt).
Unter jenen Vitagraph-Darstellerinnen,
die Babes Blicke Ende 1919 auf sich zogen, befand sich auch Myrtle
Lee Reeves, die er schließlich am Thanksgiving Day des Jahres
1921 heiratete. Dies war auch etwa der Zeitpunkt, zu dem sich Babe
entschloß, als festangestellter Akteur bei Vitagraph einzusteigen.
Dort wurde er von den Verantwortlichen innerhalb kürzester Zeit
zum Standard-Schurken neben Larry Semon auserkoren, der damals zu
den absoluten Starkomikern der Branche zählte und von der Popularität
her fast an Chaplin heranreichte. Dabei fielen dessen schauspielerischen
Fähigkeiten relativ bescheiden aus. Sein Talent beschränkte
sich stattdessen darauf, zur rechten Zeit einen guten Gag parat zu
haben und diesen einigermaßen routiniert vor der Kamera umsetzen
zu können (so trug er stets ein ominöses schwarzes Büchlein
mit sich, das er wie einen Schatz hütete und in welches er sofort
jeden Gag eintrug, der ihm in den Sinn kam). Semon schien sich seiner
begrenzten Fähigkeiten als Darsteller durchaus bewußt,
und so scheute er sich nicht, seinen eigentlich talentierteren Kollegen
des öfteren als Ratgeber für die eigene Arbeit hinzuzuziehen.
Dies führte mitunter sogar dazu, daß Babe im Vorspann einzelner
Semon-Komödien als "assistant director" aufgeführt wurde.
Doch die eigentliche Bedeutung der guten Beziehung der beiden Schauspieler
lag eher auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung. Larry Semon, ein begnadeter
Golfer, weihte Ollie im Laufe der Zeit in die Künste dieser exquisiten
Sportart ein, so daß dieser schließlich selbst zum passionierten
Golfspieler avancierte. "Ich liebte diesen Sport schon an meinem ersten
Tag auf dem Grün", erzählte er einmal. "Ich war mehr oder
weniger zu groß für Mannschaftssportarten, obwohl ich in
den Tagen bei Lubin ein recht guter Footballspieler gewesen bin. Aber
Golf war ganz einfach mein Spiel. Ich liebe es, weil man dabei immer
mit anderen Menschen zusammen ist - es gibt kaum etwas schöneres,
als auf dem Rasen die Gesellschaft netter Kumpel zu genießen.
Abgesehen davon, stellt Golf auch eine Herausforderung dar. Immerhin
mußt du diesen kleinen weißen Ball an die richtige Stelle
spielen, ohne dabei allzuviel Theater zu machen." Diese Leidenschaft
sollte er sich Zeit seines Lebens bewahren: Während Stan Laurel
in späteren Jahren im Anschluß an die Dreharbeiten weiter
"ackerte" wie ein Besessener, zog sich Ollie zum Feierabend pünktlich
aufs Grün zurück, um dem Rasenhobby zu frönen. Im Laufe
der Jahre reifte er somit zu einem der besten Golfer im Filmgeschäft
heran.
Alkohol
und Schulden
Doch dieses recht angenehme
Leben fand ein abruptes Ende, als Larry Semon an Vitagraph immer höhere
finanzielle Forderungen stellte und sich die beiden Parteien schließlich
trennten - Im Zuge von Semons Niedergang wurde auch Babe als dessen
Standard-Nebendarsteller vorübergehend arbeitslos. Zum Glück
währte dieser Zustand nicht allzu lange: Anfang 1924 erhielt
er eine Filmrolle von einem jungen Produzenten mit Namen Hal Roach
angeboten, der fünf Jahre zuvor in einem Vorort von Los Angeles
ein völlig neues Filmstudio errichtet und sich auf die Genres
Komödie und Western spezialisiert hatte. "The King Of Wild Horses"
hieß der erste (Western-)Streifen, den Babe für Roach drehte.
Es folgten einige Komödien, in denen er meist seinen gewohnten
Part als voluminöser Bösewicht gab. Da er jedoch bei Roach
noch nicht fest unter Vertrag stand, spielte er zwischendurch zusätzlich
in Filmen anderer Firmen mit, unter denen sich auch die Chadwick Pictures
Company befand. Diese war von seinem Freund und Kollegen Larry Semon
nach dessen Trennung von Vitagraph ins Leben gerufen worden und widmete
sich vorwiegend dem Spielfilm-Geschäft. Zu den von Chadwick Pictures
produzierten Streifen zählte unter anderem der 1925 entstandene
"The Wizard Of Oz" (Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen MGM-Film
aus dem Jahre 1939), in welchem Semon selbst mitwirkte und Babe den
Liebhaber der Königin des Reiches Oz darstellte. Während
sich Ollie somit in schauspielerischer Hinsicht wieder auf einem aufsteigenden
Ast befand, gestaltete sich sein Privatleben erneut alles andere als
rosig. Myrtle, die zweite Gattin, war stark alkoholabhängig und
verbrachte einen nicht unerheblichen Teil ihres Ehelebens mit Entziehungskuren
in diversen Sanatorien. Wohl nicht zuletzt, um dem äußerst
traurigen Ehealltag zu entrinnen, suchte Babe Abwechslung beim Pferderennen.
Sobald es ihm die Zeit erlaubte, setzte er einen beträchtlichen
Teil seines Gehalts am Wettschalter um - und verlor in schöner
Regelmäßigkeit. So kam es, daß Oliver Norvell Hardy
Anfang 1926 nicht nur eine alkoholabhängige Ehefrau zu beklagen
hatte (um die er sich seinerzeit rührend kümmerte), sondern
auch den Verlust nahezu seines gesamten Vermögens. Just zu diesem
Zeitpunkt bot ihm plötzlich Produzent Hal Roach, für den
er bis dahin nur sporadisch tätig gewesen war, eine Festanstellung
an - natürlich konnte und wollte Babe angesichts der verlockenden
Offerte nicht "nein" sagen. Was ihm damals wohl eher wie eine letzte
Möglichkeit erschienen sein mag, sich am eigenen Schopf aus dem
finanziellen Sumpf zu ziehen, sollte sich später als einer der
wohl glücklichsten Zufälle in der Geschichte der Filmkomik
entpuppen. Denn der Vertrag bei Roach, geschlossen am 6. Februar 1926,
brachte Ollie schon bald darauf in wiederholten (und immer engeren)
Kontakt mit einem Schauspiel-Kollegen, der ebenfalls bei Roach arbeitete
und dem er acht Jahre zuvor schon einmal zufällig begegnet war:
Stan Laurel.

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