Name: Norvell Hardy
Geburtsdatum: 18. Januar 1892
Geburtsort: Harlem / Georgia, USA
Eltern: Oliver Hardy & Emily Norvell
Beruf: Sänger / Schauspieler
Todestag: 07. August 1957, Hollywood, USA

Oliver Hardy

 

Babe

(Oliver) Norvell Hardy erblickte am 18. Januar 1892 in Harlem, Georgia, als Sohn von Emily (geborene Norvell) und Oliver Hardy das Licht der Welt. Während die Familie seines Vaters auf eine lange Tradition als treue Diener der britischen Krone zurückblicken konnte (ein direkter Vorfahre, Sir Thomas Hardy, agierte bei der Schlacht von Trafalgar als Admiral Nelsons Flaggenkapitän), waren die schottischen Vorfahren seiner Mutter im 18. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert. Sowohl Emily (einmal) als auch Oliver senior (zweimal) waren zuvor bereits verheiratet gewesen und brachten noch vor der Geburt des kleinen Norvell in ihre gemeinsame Ehe insgesamt drei Söhne und vier Töchter ein. Die Freude an seinem zweiten eigenen Sohn sollte für Oliver Hardy jedoch nicht allzu lange währen. Denn obwohl er bereits bei seiner Vermählung mit Emily im März 1890 gesundheitlich angeschlagen gewesen war (und von seinem ursprünglichen Beruf als Vorarbeiter bei einer Eisenbahngesellschaft als Manager ins Hotelgewerbe gewechselt war), verstarb er am 22. November 1892 doch recht überraschend aus nicht näher erforschten Gründen.

Emily, die bereits seit ihrer Heirat den Gatten bei dessen Tätigkeit im Hotelfach kräftig unterstützt hatte, bereitete es in der Folgezeit bisweilen erhebliche Mühe, sich und die Kinder über Wasser zu halten. Doch die Vermählung ihrer ältesten Tocher, Elisabeth, wendete das Schicksal der Familie im Jahre 1901 in eine glückliche Richtung: Elisabeths Schwiegervater entpuppte sich als Mann mit erheblichem Einfluß, und so siedelte Emily schon bald nach der Hochzeit ihrer Tochter über nach Milledgeville, Georgia. Dort übernahm sie die Führung des besten Hotels vor Ort.

 

Eine ansteckende Umgebung

Wie ihre übrigen Kinder ließ sich auch ihr Jüngster von der Atmosphäre im "Baldwin"-Hotel bald anstecken. Zahlreiche Hotelgäste stammten aus dem Theater- und Showgeschäft, und so begann Norvell bereits in jungen Jahren, die Manierismen dieser für ihn faszinierenden Persönlichkeiten zu imitieren. Da er neben seinem schauspielerischen Talent auch noch über einen recht ansprechenden Sopran verfügte, beeindruckte er sowohl die Familie wie auch die Hotelgäste des öfteren mit entsprechenden Gesangsdarbietungen. Seine eigene Begeisterung für das Bühnengewerbe ging gar so weit, daß er in dieser Zeit einmal für mehrere Wochen von zu Hause flüchtete, um sich als Sänger einer Wandertruppe anzuschließen. Und nachdem er schließlich reumütig in den Schoß der Mutter zurückgekehrt war, spendierte diese ihm wiederholt das Fahrgeld in das über hundert Kilometer entfernte Atlanta, damit er wenigstens dem Treiben der dort gelegentlich stattfindenden Bühnenshows beiwohnen konnte. Eines Abends trat im Theater von Atlanta der weltbekannte Opernsänger Enrico Caruso auf - ein Ereignis, welches Ollie in späteren Jahren einmal als das größte musikalische Ereignis seines Lebens bezeichnete.

Mit Norvells Begeisterung für die Bühne ging freilich auch ein rapider Leistungsabstieg in der Schule einher, so daß ihn die Mutter auf ein Internat schickte. Doch der damals 14jährige flehte Emily an, Musik studieren zu dürfen, um ein berühmter Sänger werden zu können. Tatsächlich gab die verständnisvolle Mutter dem Wunsch ihres Sohnes nach und finanzierte diesem daraufhin Unterrichtsstunden am Musikkonservatorium von Atlanta. Eine Fehlinvestition, wie sich bald herausstellen sollte, denn ihr Sprößling vermochte den Unterrichtsmethoden seines Lehrers nicht allzu viel abzugewinnen und verlegte sich stattdessen bevorzugt darauf, in einem nahegelegenen Kino vor Publikum ursprünglich "geräuschlose" Diavorführungen singenderweise aufzuwerten. Um Norvell in Sachen Disziplin gewissermaßen die Flötentöne beizubringen, verfrachtete ihn die enttäuschte Mutter in der Folgezeit auf eine Militärschule. Doch auch dort fühlte sich dieser bald unwohl - vor allem aufgrund seiner Körperfülle, die sich für militärische Übungen nicht gerade als vorteilhaft herausstellte. Schuld daran war wiederum sein enormer Konsum an Lebensmitteln (vor allem Süßem), der dem jungen Oliver dabei helfen sollte, den frühen Verlust des Vaters zu überwinden. Hinzu kam, daß in dieser Zeit auch noch Norvells Bruder Sam vor dessen Augen in einem Fluß ertrank, so daß das Körpergewicht des seelisch gebeutelten Jungen im Alter von 15 Jahren bereits auf rund 120 Kilogramm angestiegen war. Seine Mutter zeigte schon bald erneut Verständnis und legte Ollie nun den Besuch eines Colleges im Norden des Bundesstaates Georgia ans Herz - nicht zuletzt, um ihn von ihren eigenen Gästen aus der Welt des Showbusiness fernzuhalten (die Militärschule lag in unmittelbarer Nähe zu ihrem Hotel). Wieder einmal hatte sie jedoch die Rechnung ohne ihren Sohn gemacht, denn der hielt es fern von zu Hause nicht allzu lange aus und konnte die Mutter schließlich dazu überreden, ihn wieder nach Milledgeville zurückkehren zu lassen.

Erster Kontakt zum Kino

Dort jobbte er zunächst im örtlichen Opernhaus (in dem jedoch weniger Opern, sondern vielmehr gewöhnliche Bühnenshows stattfanden), bevor er schließlich eine Anstellung im neueröffneten "Electric Theatre" erhielt, dem ersten Lichtspieltheater der Stadt. Als 18jähriger kam Norvell somit erstmals mit der Welt des Kinos in Kontakt. Dabei fungierte er nicht nur, wie ursprünglich vorgesehen, als Vorführer, sondern gleichzeitig auch als Kartenabreißer, Putzhilfe und stellvertretender Theaterleiter. Rasch reifte er somit zum Liebling des Publikums und zu einer stadtbekannten Persönlichkeit heran. Und schon damals wußte er: "Das, was manche dieser Komiker auf der Kinoleinwand so zeigen, kann ich eigentlich auch."

1913 erhielt er den Besuch eines alten Freundes, der ihn vom Aufkommen der Filmindustrie im rund 300 Kilometer entfernten Jacksonville berichtete. Norvell, nachdem er zuvor drei Jahre lang täglich Filme vorgeführt und gesehen hatte, kündigte daraufhin kurzentschlossen den Job im "Electric Theatre" und machte sich auf in die "neue Welt". Dort angekommen, nahm er zunächst eine Stellung als Darsteller in kleineren Bühnenshows an und begegnete dabei einer jungen Dame namens Madelyn Saloshin, die er zuvor bereits im Opernhaus seines Heimatortes Milledgeville kennengelernt hatte. Madelyn hatte sich inzwischen bereits über die Grenzen von Jacksonville hinaus einen Ruf als hervorragende Pianistin erarbeitet. Zusätzlich fasziniert von ihren wunderschönen Augen, suchte der junge Norvell fortan wiederholt die Nähe dieser reizenden Person. Und da auch die Umschwärmte den 21jährigen nicht gerade abstoßend fand, heirateten beide am 17. November 1913 (wobei Madelyn ihr Alter nicht verraten wollte; Freunde schätzten, daß sie mindestens zehn Jahre älter war als ihr frisch angetrauter Gatte).

In der Folgezeit teilte Norvell seinen Tagesablauf sorgfältig ein. Während er und die Ehefrau abends auf der Bühne standen, schaute er tagsüber bei den örtlichen Filmgesellschaften vorbei, da ihn die Welt des Kinos nach wie vor interessierte. Damals nahmen es die Verantwortlichen der einzelnen Companies noch nicht so genau, und so war es für Interessenten kein Problem, Dreharbeiten beizuwohnen und die Schauspieler bei ihrer Arbeit zu beobachten. Wie schon in seinen Jugendjahren im Hotel der Mutter, verfehlte die Gegenwart der Akteure auch hier nicht ihre Wirkung auf Norvell. Diesmal hatten es ihm vor allem die Komiker unter ihnen angetan, und schon bald nahm er einen Aushilfsjob bei einer Filmgesellschaft an, um noch intensiver am faszinierenden Geschehen teilnehmen zu können.

 

Der Anfang ist gemacht

Eines Tages erhielt er plötzlich seine Chance: Für eine der geplanten Kurzfilm-Komödien wurde ein dicker junger Mann benötigt. Die entsprechende Anfrage des Regisseurs, der sich seiner wohlproportionierten Aushilfskraft entsann, konnte Norvell natürlich nicht ablehnen, und so kam er in dem Film "Outwittin Dad" zur ersten Filmrolle seines Lebens. In dieser wilden Liebesgeschichte, die am 14. April 1914 von der Lubin-Filmgesellschaft veröffentlicht wurde, spielte er einen rauhen, furchteinflößenden Burschen, der mit einem Sombrero, einem riesigen Schnauzbart sowie einem großen Patronengurt um die Hüfte ausgestattet war. Dabei machte er seine Sache immerhin so gut, daß ihm die Filmbosse prompt einen regulären Schauspielervertrag anboten. Dieser garantierte ihm fortan (bei drei Arbeitstagen pro Woche) fünf Dollar Lohn pro Tag. Zum Zeichen des Gedenkens an seinen Vater legte er sich mit diesem Beginn seiner Filmkarriere als zweiten Vornamen den Namen Oliver zu, so daß er sich in der Folgezeit Fremden gegenüber stets als Oliver Norvell Hardy vorstellte - eine Angewohnheit, die er selbst in seinen späteren Filme mit Stan Laurel beibehalten sollte. Fast zeitgleich erhielt er von einem italienischen Friseur, der in der Nähe des Lubin-Studios seinen Laden betrieb und Ollie des öfteren rasierte, zudem den Spitznamen "Babe" verpaßt. Dieser wurde von Ollies Schauspiel-Kollegen sofort aufgegriffen und diente ihnen und Ollies privaten Freunden fortan als willkommene Kurzformel anstelle des "richtigen" Vornamens, Oliver Norvell. Obwohl er selbst nie so recht von diesem Spitznamen angetan war, firmierte er während der Anfänge seiner Filmkarriere im Vorspann der jeweiligen Streifen doch auf eigenen Wunsch hin immer unter dem Namen "Babe Hardy". Seine schauspielerischen Fähigkeiten stellten sich rasch als überdurchschnittlich heraus, und so avancierte Babe Hardy innerhalb recht kurzer Zeit vom Lückenfüller zu einem der Starakteure der Lubin-Truppe. Dabei schlüpfte er in die unterschiedlichsten Rollen - meist handelte es sich jedoch entweder um besonders komische oder äußerst erschreckend wirkende "Schwergewichte". Was ihn dabei von den meisten seiner Kollegen positiv abhob, war die Fähigkeit, bestimmte Gefühle nicht nur mit dem Gesicht, sondern unter Einsatz des gesamten Körpers auszudrücken. Wo andere nur ihre Visage per Großaufnahme in die Kamera hielten, setzte Babe jedes Pfund seiner Körperfülle ein, um den jeweils erforderlichen Ausdruck glaubwürdig zu vermitteln. Auf diese Weise drehte er bis August 1915 rund 50 Filme (alles Einakter) für die Firma Lubin, bevor diese sich aus dem Geschäft zurückzog und ihre Bestände an die Konkurrenz von Vitagraph übergingen.

 

Der Mollige und der Zwerg

Für Babe war dies der Anlaß, sich verstärkt um seine eigentlich angestrebte Karriere als Sänger zu bemühen. Auf Anraten eines Freundes begab er sich zu diesem Zweck nach New York, doch schon bald stellte sich heraus, daß dort außer ein paar kleinen Filmrollen nichts zu holen war - an korpulenten Sängern zeigte kein Manager rechtes Interesse. So kehrte er kurze Zeit später nach Jacksonville zurück und verdingte sich in einem Rasthaus als singender Alleinunterhalter. Bei einem dieser Auftritte erweckte er eines Tages die Aufmerksamkeit eines gewissen Louis Burstein. Der Mitinhaber der Vim Comedy Company, die inzwischen die früheren Lubin-Studios von der Firma Vitagraph in Jacksonville übernommen hatte, zeigte sich von dem professionellen und ausdrucksstarken Auftritt des schwergewichtigen Tenors stark beeindruckt. Und da Burstein von einem Bekannten zuvor bereits erfahren hatte, daß es sich bei Babe Hardy um einen erfahrenen Filmkomiker handelte, engagierte er ihn quasi vom Fleck weg als Darsteller für seine eigene Company. Babe nutzte die Gelegenheit, zumal es ihm der Job beim Film ermöglichte, im Anschluß an die Dreharbeiten abends - musikalisch unterstützt von seiner Frau - in einem Nachtclub als Sänger auf der Bühne zu stehen. Madelyn hatte es in der Zwischenzeit zur dortigen Orchesterleiterin gebracht. Seine eigentliche Passion, die Singerei, verhalf ihm somit zu einem stattlichen Nebeneinkommen. Dabei scheute sich Ollie nicht, das angehäufte Geld mitunter großzügig an bedürftige Freunde oder Kollegen zu verleihen - zu sehr waren ihm die schweren Jahre im Gedächtnis, die seine eigene Familie nach dem Tode des Vaters zu überstehen gehabt hatte.

Der erste Film, den er für die Vim Company drehte, hieß "A Special Delivery" und bildete den Auftakt einer ganzen Reihe von Streifen, in denen er gemeinsam mit einem Kollegen namens Billy Ruge agierte. €hnlich wie Laurel und Hardy in späteren Jahren, bildeten auch diese beiden anno 1916 ein eingespieltes Paar, das innerhalb einer Filmserie mit dem Titel "Plump and Runt" (frei übersetzt etwa: "Der Mollige und der Zwerg") in insgesamt 35 Einaktern gemeinsam agierte. Für subtile Scherze und ausgefeilte Komik, wie sie 20 Jahre später in den Laurel und Hardy-Filmen zu sehen war, blieb angesichts der kurzen Laufzeit von zehn Minuten jedoch nicht allzuviel Raum. Insofern beschränkten sich die "Plump and Runt"-Filme in der Regel auf die seinerzeit üblichen, temporeichen Prügeleien und Verfolgungsjagden. Doch eines Tages stellte sich heraus, daß hinter den Kulissen der Vim Company krumme Geschäfte liefen - einer oder gar beide Inhaber hatten ganz offensichtlich einen Teil der offiziell für die Schauspieler bestimmten Firmengelder in die eigene Tasche abgezweigt. Details ließen sich auch vor Gericht nicht völlig klären, die Vim Company wurde schließlich von einem Konkurrenten aufgekauft.

 

 

Eine historische Begegnung

Immerhin gelang es Burstein recht schnell, eine neue Filmgesellschaft ins Leben zu rufen und gleichzeitig Babe sowie einige andere Kollegen aus der Vim-Ära mit an Bord des neuen Produktionsschiffes zu nehmen, das er auf den Namen King Bee Film Corporation taufte. Star der Truppe war Billy West, der seinerzeit als originalgetreue Charlie Chaplin-Kopie (zweifelhafte) Berühmtheit erlangte. Als Partner für Billy West setzte Burstein Babe Hardy ein, und durch entsprechendes Make up besaß die King Bee Film Corporation plötzlich ein nahezu identisches Double für das Komikerpaar der Konkurrenz, bei der in zahlreichen Filmen neben dem eher schmächtigen Charlie Chaplin ebenfalls ein grobschlächtiger Kerl zu sehen war: Eric Campbell.

Als sein Arbeitgeber den Firmensitz nach Florida verlegte, entschlossen sich Ollie und Madelyn, die Herausforderung anzunehmen und ebenfalls in sonnigere Regionen umzusiedeln. Denn an der Westküste der USA, das hatte sich inzwischen abzuzeichnen begonnen, wuchs das Zentrum einer stetig wachsenden Filmindustrie heran. So blieb Babe selbst dann optimistisch, als die King Bee Corporation schon kurze Zeit nach der Übersiedelung ihren Geschäftsbetrieb einstellte - für ihn als talentierten Akteur schien es nicht allzu schwer, inmitten der blühenden Filmwirtschaft einen neuen Job zu finden. Zunächst verdingte er sich als freier Schauspieler, wobei ihn die unterschiedlichsten Firmen für Rollen in ihren jeweiligen Kurzfilmen engagierten. So wurde er eines Tages auch von dem Regisseur Jess Robbins angesprochen: Ob er Interesse habe, in einer Komödie des Produzenten Gilbert Anderson mitzuwirken. Dieser hatte sich unter dem Künstlernamen "Broncho Billy" ein paar Jahre zuvor zum ersten großen Cowboystar der amerikanischen Filmgeschichte gemausert, bevor er aufgrund seiner atemberaubenden Schauspielkarriere innerhalb kurzer Zeit zum Multimillionär aufgestiegen war, die Essanay Company gegründet hatte und sich fortan als Produzent einen Namen machte (wobei es eine seiner ersten Amtshandlungen war, Charlie Chaplin unter Vertrag zu nehmen). Im Laufe von nur drei bis vier Jahren war es dem ehrgeizigen Produzenten jedoch gelungen, seine junge Firma kräftig herabzuwirtschaften, und so mußte er sich in der Folge damit zufrieden geben, hin und wieder eine Kurzkomödie produzieren zu können. Für eine solche hatte er den Regisseur Jess Robbins verpflichtet, und der wiederum wandte sich also auf der Suche nach einem geeigneten Schurkendarsteller an Babe Hardy. Der Film, um den es ging, hieß "The Lucky Dog". Er sollte den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Kurzfilmen bilden, die Gilbert Anderson plante. Darin sollte jeweils ein Schauspieler die Hauptrolle übernehmen, den Anderson beim Besuch einer Theatervorstellung in Los Angeles entdeckt und spontan verpflichtet hatte: Stan Laurel. Natürlich ahnte damals, im September 1918, keiner der Beteiligten, welch historische Begegnung im Laufe der Arbeiten an "The Lucky Dog" vonstatten ging. So erinnerte sich Stan denn auch Jahre später daran, daß das erste Aufeinandertreffen der beiden Komikergenies äußerst unspektakulär verlief: "Wir sind uns während der Dreharbeiten kaum begegnet, da Babe eine viel kleinere Rolle spielte als ich. Unsere gemeinsamen Szenen wurden sehr schnell abgedreht, und keiner von uns dachte damals auch nur im entferntesten daran, daß wir uns danach jemals wieder begegnen, geschweige denn Partner werden würden."

 

Knock out für Madelyn

Nach dieser ersten, flüchtigen Begegnung mit seinem späteren Standard-Partner drehte Babe für die Firma L-KO (Lehrmann-Knock Out) ein paar Zweiakter, bevor L-KO (nomen est omen) der eigene knock out ereilte und Ollie notgedrungen zu Vitagraph wechselte. Dort agierte er in den Jahren 1919 bis 1921 neben Vitagraphs Starkomiker, Jimmy Aubrey, in zahlreichen Kurzkomödien. Diese trugen ebenso einprägsame wie unoriginelle Titel wie "Flips And Flops", "Dames And Dentists", "Pals And Plugs" oder "Switches And Sweeties". Schnell erarbeitete er sich dabei den Ruf als beständiger Darsteller, der es verstand, aus seiner jeweiligen Rolle immer etwas besonderes zu machen. Dabei schien ihm das rasante Tempo, in denen die einzelnen Streifen jeweils abgedreht wurden (und das sich meist auf das Geschehen auf der Leinwand übertrug) überhaupt nichts auszumachen: "Damit hatte ich eigentlich gar keine Mühe, weil ich das ganze eher als Spiel betrachtete - so, als befänden wir uns auf einem Football-Spielfeld. Ich liebte meine Arbeit, und ich glaube, das kam später im Film auch ganz gut 'rüber." Doch sein Spaß beschränkte sich zu jener Zeit keineswegs nur auf die Arbeit - angesichts des relativ großen Altersunterschieds zu seiner Ehefrau, der sich zunehmend in Madelyns €ußerem bemerkbar machte, richtete sich Ollies Augenmerk vermehrt auch auf so manche junge Vitagraph-Schönheit. Ende 1919 zog seine Gattin gefrustet die Konsequenzen und läutete die Trennungszeremonie ein. Aufgrund diverser Meinungsverschiedenheiten zogen sich die Scheidungsformalitäten jedoch hin, so daß es erst im November 1920 zur endgültigen Trennung und gar erst 1936 (!) zu einer letzten finanziellen Einigung kommen sollte (zu diesem Zeitpunkt lebte Madelyn in New York und hatte sich zumindest vom Körperumfang her ihrem Ex-Gatten angepaßt).

Unter jenen Vitagraph-Darstellerinnen, die Babes Blicke Ende 1919 auf sich zogen, befand sich auch Myrtle Lee Reeves, die er schließlich am Thanksgiving Day des Jahres 1921 heiratete. Dies war auch etwa der Zeitpunkt, zu dem sich Babe entschloß, als festangestellter Akteur bei Vitagraph einzusteigen. Dort wurde er von den Verantwortlichen innerhalb kürzester Zeit zum Standard-Schurken neben Larry Semon auserkoren, der damals zu den absoluten Starkomikern der Branche zählte und von der Popularität her fast an Chaplin heranreichte. Dabei fielen dessen schauspielerischen Fähigkeiten relativ bescheiden aus. Sein Talent beschränkte sich stattdessen darauf, zur rechten Zeit einen guten Gag parat zu haben und diesen einigermaßen routiniert vor der Kamera umsetzen zu können (so trug er stets ein ominöses schwarzes Büchlein mit sich, das er wie einen Schatz hütete und in welches er sofort jeden Gag eintrug, der ihm in den Sinn kam). Semon schien sich seiner begrenzten Fähigkeiten als Darsteller durchaus bewußt, und so scheute er sich nicht, seinen eigentlich talentierteren Kollegen des öfteren als Ratgeber für die eigene Arbeit hinzuzuziehen. Dies führte mitunter sogar dazu, daß Babe im Vorspann einzelner Semon-Komödien als "assistant director" aufgeführt wurde. Doch die eigentliche Bedeutung der guten Beziehung der beiden Schauspieler lag eher auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung. Larry Semon, ein begnadeter Golfer, weihte Ollie im Laufe der Zeit in die Künste dieser exquisiten Sportart ein, so daß dieser schließlich selbst zum passionierten Golfspieler avancierte. "Ich liebte diesen Sport schon an meinem ersten Tag auf dem Grün", erzählte er einmal. "Ich war mehr oder weniger zu groß für Mannschaftssportarten, obwohl ich in den Tagen bei Lubin ein recht guter Footballspieler gewesen bin. Aber Golf war ganz einfach mein Spiel. Ich liebe es, weil man dabei immer mit anderen Menschen zusammen ist - es gibt kaum etwas schöneres, als auf dem Rasen die Gesellschaft netter Kumpel zu genießen. Abgesehen davon, stellt Golf auch eine Herausforderung dar. Immerhin mußt du diesen kleinen weißen Ball an die richtige Stelle spielen, ohne dabei allzuviel Theater zu machen." Diese Leidenschaft sollte er sich Zeit seines Lebens bewahren: Während Stan Laurel in späteren Jahren im Anschluß an die Dreharbeiten weiter "ackerte" wie ein Besessener, zog sich Ollie zum Feierabend pünktlich aufs Grün zurück, um dem Rasenhobby zu frönen. Im Laufe der Jahre reifte er somit zu einem der besten Golfer im Filmgeschäft heran.

 

Alkohol und Schulden

Doch dieses recht angenehme Leben fand ein abruptes Ende, als Larry Semon an Vitagraph immer höhere finanzielle Forderungen stellte und sich die beiden Parteien schließlich trennten - Im Zuge von Semons Niedergang wurde auch Babe als dessen Standard-Nebendarsteller vorübergehend arbeitslos. Zum Glück währte dieser Zustand nicht allzu lange: Anfang 1924 erhielt er eine Filmrolle von einem jungen Produzenten mit Namen Hal Roach angeboten, der fünf Jahre zuvor in einem Vorort von Los Angeles ein völlig neues Filmstudio errichtet und sich auf die Genres Komödie und Western spezialisiert hatte. "The King Of Wild Horses" hieß der erste (Western-)Streifen, den Babe für Roach drehte. Es folgten einige Komödien, in denen er meist seinen gewohnten Part als voluminöser Bösewicht gab. Da er jedoch bei Roach noch nicht fest unter Vertrag stand, spielte er zwischendurch zusätzlich in Filmen anderer Firmen mit, unter denen sich auch die Chadwick Pictures Company befand. Diese war von seinem Freund und Kollegen Larry Semon nach dessen Trennung von Vitagraph ins Leben gerufen worden und widmete sich vorwiegend dem Spielfilm-Geschäft. Zu den von Chadwick Pictures produzierten Streifen zählte unter anderem der 1925 entstandene "The Wizard Of Oz" (Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen MGM-Film aus dem Jahre 1939), in welchem Semon selbst mitwirkte und Babe den Liebhaber der Königin des Reiches Oz darstellte. Während sich Ollie somit in schauspielerischer Hinsicht wieder auf einem aufsteigenden Ast befand, gestaltete sich sein Privatleben erneut alles andere als rosig. Myrtle, die zweite Gattin, war stark alkoholabhängig und verbrachte einen nicht unerheblichen Teil ihres Ehelebens mit Entziehungskuren in diversen Sanatorien. Wohl nicht zuletzt, um dem äußerst traurigen Ehealltag zu entrinnen, suchte Babe Abwechslung beim Pferderennen. Sobald es ihm die Zeit erlaubte, setzte er einen beträchtlichen Teil seines Gehalts am Wettschalter um - und verlor in schöner Regelmäßigkeit. So kam es, daß Oliver Norvell Hardy Anfang 1926 nicht nur eine alkoholabhängige Ehefrau zu beklagen hatte (um die er sich seinerzeit rührend kümmerte), sondern auch den Verlust nahezu seines gesamten Vermögens. Just zu diesem Zeitpunkt bot ihm plötzlich Produzent Hal Roach, für den er bis dahin nur sporadisch tätig gewesen war, eine Festanstellung an - natürlich konnte und wollte Babe angesichts der verlockenden Offerte nicht "nein" sagen. Was ihm damals wohl eher wie eine letzte Möglichkeit erschienen sein mag, sich am eigenen Schopf aus dem finanziellen Sumpf zu ziehen, sollte sich später als einer der wohl glücklichsten Zufälle in der Geschichte der Filmkomik entpuppen. Denn der Vertrag bei Roach, geschlossen am 6. Februar 1926, brachte Ollie schon bald darauf in wiederholten (und immer engeren) Kontakt mit einem Schauspiel-Kollegen, der ebenfalls bei Roach arbeitete und dem er acht Jahre zuvor schon einmal zufällig begegnet war: Stan Laurel.



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