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Stan Laurel wurde als Arthur Stanley Jefferson am 16. Juni 1890 in Ulverston, im Nordwesten von England, geboren. Seine spätere Profession wurde ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn Vater Arthur "Al" Jefferson war zu jener Zeit ein sehr bekannter Theatermanager, Regisseur und Produzent. Die Mutter, Madge Metcalfe, agierte als eine der führenden Schauspielerinnen der Jefferson-Theatertruppe. Doch während sich der Vater wünschte, Stan möge eines Tages in seine Fußstapfen treten und ebenfalls als Theatermanager hinter den Kulissen des Showbusiness aktiv werden, fühlte sich der Sohn viel stärker von dem Treiben der Schauspieler auf der Bühne angezogen. Bereits im zarten Alter von neun Jahren, so erinnerte sich Stans Vater in seinen (von Laurel und Hardy-Biograph John McCabe zitierten) Memoiren, habe sein Sohn auf dem heimischen Dachboden eigene Theateraufführungen veranstaltet. Das recht geräumige Dachgeschoß sei zuvor von professionellen Bühnenarbeitern in ein stilechtes Miniaturtheater mit Bühne, rund zwei Dutzend Sitzplätzen und Beleuchtung verwandelt worden. Und nachdem er einige Schulkameraden um sich geschart und hart mit ihnen geprobt hatte, konnte Stan als Regisseur, Manager, Autor, Produzent und Hauptdarsteller der versammelten Nachbarschaft schließlich die Premierenaufführung der "Stanley Jefferson Amateur Dramatic Society" präsentieren. Um auch finanziell minderbemittelten Freunden den Besuch der Vorstellungen zu ermöglichen, erhob der clevere Theaterdirektor das Eintrittsgeld in Form von Sachspenden: Teppiche, Küchengeschirr, Decken - so ziemlich alles, was sich auf irgendeine Weise als Bühnenrequisite verwenden ließ, wurde von Stan akzeptiert. Kein Wunder also, daß zahlreiche, nichtsahnende Zuschauer im Verlauf der einzelnen Darbietungen plötzlich mit ihren persönlichen Haushalts- und Einrichtungsgegenständen konfrontiert wurden, die zuvor unter mysteriösen Umständen abhanden gekommen waren! Selbstverständlich ließ es sich Stan nicht nehmen, die Dramen stets eigenhändig zu verfassen und sich selbst die jeweiligen Hauptrollen auf den Leib zu schreiben - nicht selten handelte es sich dabei um Variationen von Sketchen und Stücken, die er zuvor im Theater des Vaters auf der Bühne gesehen hatte. Bestätigt in seinem Engagement wurde er wenig später auch während seines Internatsaufenthaltes in Bishop Auckland. Dort hatte ein Lehrer die schauspielerischen beziehungsweise komödiantischen Künste des jungen Zöglings rasch erkannt und bat diesen an manchen Abenden - während Stans Kameraden bereits in ihren Betten lagen -, die bei ein paar Flaschen Wein zusammensitzenden Lehrer in entspannter Atmosphäre mit Scherzen zu unterhalten.
Im August 1901, Stan war gerade elf Jahre alt, zogen die Jeffersons um nach Glasgow. Dort hatte der Vater eine Anstellung als Theatermanager des örtlichen Metropole Theatre erhalten - eine Tätigkeit, die er während der folgenden 23 Jahre ausüben sollte. Auch zu diesem Zeitpunkt war Al Jefferson noch fest davon überzeugt, daß er das Management des Schauspielbetriebes eines Tages an den Sohn weiterreichen würde. Daß er sich darin kräftig täuschte, wurde ihm jedoch erst rund vier Jahre später bewußt. Die ersten Erfolge im eigenen Dachboden-Theater und auf dem Internat hatten Stan nämlich soviel Mut gemacht, daß er als 15jähriger erneut daran ging, für sich ein kleines Bühnenprogramm zusammenzustellen. Dem Vater davon zu erzählen, traute er sich allerdings nicht - zu groß war seine Angst, mit seinem Berufswunsch Schauspieler bei diesem auf Ablehnung zu stoßen. So studierte Stan quasi im stillen Kämmerlein eine rund zehnminütige Abfolge verschiedener Witzchen und Gags ein, um sie eines Nachmittags in der Music Hall eines Freundes der Familie öffentlich vorzuführen. Ob nur der Zufall oder gar telepathische Kräfte im Spiel waren, mag dahingestellt bleiben: Just an diesem Nachmittag beschloß der Vater, einmal in der Music Hall des Bekannten vorbeizuschauen, den er bis dahin schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Dieser dachte natürlich, Stan habe seinen Vater eingeweiht, und begrüßte Al Jefferson am Eingang mit den Worten: "Du kommst gerade rechtzeitig. Stan fängt in fünf Minuten an!"
Nachdem der völlig überraschte Vater mit eigenen Augen gesehen hatte, auf welche Resonanz die kurze Darbietung des Sohnes beim begeisterten Publikum gestoßen war, wollte er dem Jungen den Weg in die Schauspielerei nicht länger verwehren. Als Stan im Anschluß an die Aufführung nach Hause zurückkehrte, empfing er ihn daher voller Stolz und mit offenen Armen. Nun war die Überraschung auf Seiten des Jungen, der natürlich nichts davon mitbekommen hatte, daß sein Vater unter den Besuchern geweilt hatte. Al Jefferson entschied sich, Stan eine richtige Ausbildung zum Schauspieler zukommen zu lassen, zumal ihm dieser für eine Solokarriere als noch zu unerfahren erschien. So vermittelte er den Sohn mit Hilfe eines Freundes an eine Truppe junger Pantomimen, die sich "Levy and Cardwell's Juvenile Pantomimes" nannten und alle zwischen sechs und 18 Jahre alt waren. Zwei Spielzeiten lang spielte Stan als Mitglied der Truppe in zahlreichen komischen Rollen, bevor er anschließend als Alleinunterhalter solo durch die Gegend tingelte und in kleinen VarietŽs seinen Lebensunterhalt verdiente. Eines Tages wurde er sogar von seinem eigenen Vater engagiert, um in einem Bühnensketch mitzuspielen, den Al Jefferson persönlich geschrieben hatte. "Home From The Honeymoon" hieß das Stück, das einige Jahre später von Laurel und Hardy sogar gleich zweimal verfilmt werden sollte (unter den Titeln "Duck Soup" und "Another Fine Mess").
Nach diesem zwischenzeitlichen Engagement in der Truppe des Vaters zog Stan weiter als Solodarsteller umher, bis ihn eines Tages der berühmte Theaterproduzent Fred Karno entdeckte. Dieser unterhielt Anfang des 20. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Darstellergruppen, die er auf Tourneen durch ganz Europa und sogar die USA schickte. Der führende Karno-Schauspieler zu jener Zeit war ein gewisser Charlie Chaplin. Nachdem Stan sich der Karno-Trupe angeschlossen hatte und die Wanderschauspieler bereits mehrere Monate unterwegs gewesen waren, plante Karno die Aufführung eines neuen Stückes in London. Doch das Werk mit dem Titel "Jimmy The Fearless" konnte Karnos Starkomiker nicht begeistern: Chaplin lehnte kurzerhand ab, die Hauptrolle darin zu übernehmen. Unter Zeitdruck geraten (die Premiere stand unmittelbar bevor), übertrug der konsternierte Produzent den Part daraufhin notgedrungen auf Stan - und der nutzte diese einmalige Chance, indem er dem Stück zu einem gewaltigen Publikumserfolg verhalf. Doch bereits nach einer Woche wurde Chaplin die wachsende Popularität seines Ersatzmannes zu bunt, und so schlüpfte er kurzerhand selbst in die zuvor von ihm so ungeliebte Hauptrolle. In den Folgejahren blieb es bei dieser Konstellation - Stan agierte, wenn nötig, als Chaplins Ersatzmann (bisweilen teilten beide ein gemeinsames Hotelzimmer) und mauserte sich auch sonst im Laufe der Jahre zu einem äußerst begabten Darsteller. Nachdem die Karno-Truppe 1910 erstmals eine Tour durch die USA unternommen hatte, folgte zwei Jahre darauf eine Neuauflage, die nicht nur für Charlie Chaplin eine bedeutende Zwischenstation auf dem Weg zur späteren Weltkarriere bedeuten sollte, sondern auch für Stanley Jefferson fast zu einer solchen geworden wäre. Denn Chaplin wurde während dieser zweiten USA-Tournee von dem Filmproduzenten Mack Sennett entdeckt (und sofort für die Leinwand verpflichtet), so daß eigentlich Stan an der Reihe war, die Rolle des führenden Karno-Komikers einzunehmen. Doch Karno geriet plötzlich in Schwierigkeiten: Theaterbesitzer, mit denen er zuvor längerfristige Verträge abgeschlossen hatte, wollten ihrem Publikum als Hauptdarsteller unbedingt Charlie Chaplin präsentieren - und nicht etwa einen unbekannten Ersatzmann mit Namen Stanley Jefferson. Nachdem klar war, daß Chaplin auf keinen Fall auf die Bühne zurückkommen würde, engagierte Karno als neue "Nummer eins" kurzfristig einen anderen, bekannten Komiker, den er extra aus England einfliegen ließ. Doch alle Bemühungen nutzten nichts: Die Show wurde ein Flop, alle Verträge gekündigt, und die Karno-Akteure standen plötzlich auf der Straße. Der Produzent bot seinen Akteuren immerhin Tickets für die kostenlose Heimreise nach England an. Doch Stan entschied sich, in den USA sein Glück zu versuchen. Gemeinsam mit einem Ehepaar gründete er das "Stan Jefferson Trio". Seine neuen Mitstreiter, Alice Hamilton und Baldwin Cooke, waren zuvor bereits als Duo "Cooke and Hamilton" hin und wieder mit Stan in Kontakt gekommen. Im Juni 1916 mieteten sich die drei ein kleines Häuschen am Strand und probten ihr erstes gemeinsames, von Stan verfaßtes Programm: "The Crazy Cracksman". Das ziemlich wüste Stück, in dem Stan als eine Kopie Charlie Chaplins auftrat, wurde ein ansehnlicher Erfolg. Immerhin 175 Dolllars betrug die wöchentliche Gage, die die Akteure freundschaftlich untereinander teilten. Alice Hamilton-Cooke erzählte John McCabe Jahrzehnte später, daß das "Stanley Jefferson Trio" zu dieser Zeit quasi in den Tag hinein lebte: "Wir brauchten nur Spaß sowie ausreichend zu Essen und zu Trinken. Stan erzählte ständig lustige Geschichten aus seiner Karno-Zeit. Wohl niemand hatte damals ein schöneres und unbeschwerteres Leben als wir drei. Das Geld haben wir mit vollen Händen ausgegeben. Wir haben eigentlich nie an den nächsten Tag oder die nächste Woche gedacht."
Das unbeschwerte Leben des Trios fand jedoch ein Ende, als die australische Schauspielerin Mae Charlotte Dahlberg den Weg des ausgelassenen Trios kreuzte. Mae trat mit ihrer Kollegin Cissy Hayden als "The Hayden Sisters" 1918 in einem kleinen Städtchen in Pennsylvania auf, in dem zur gleichen Zeit auch das "Stanley Jefferson Trio" gastierte. Stan war von Mae auf Anhieb derart angetan, daß er seine beiden Partner spontan und schweren Herzens darum bat, ihr erfolgreiches Trio auflösen zu dürfen. Er wollte fortan mit Mae als Duo auf Tournee gehen. Seine Zuneigung zur neuen Partnerin ging sogar soweit, daß er sie geheiratet hätte - wäre da nicht ein anderer Mann auf dem 5. Kontinent gewesen, den Mae bereits zuvor geehelicht hatte und der sich standhaft weigerte, einer Scheidung zuzustimmen. Doch natürlich konnte solch eine Formalie Stan nicht davon abhalten, Mae nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Privatleben als Partnerin zu akzeptieren. Gewisse Probleme bereitete ihm insofern zunächst nur sein langer Nachname: Jefferson klang nicht gerade besonders spritzig, außerdem schienen (inklusive des Vornamens) 13 Buchstaben für die Werbeplakate ganz einfach zu lang. Ein Jahr vor ihrem Tod im Jahre 1969 verriet Mae dem Laurel und Hardy-Biographen John McCabe, wie der Komiker schließlich zu seinem Künstlernamen Laurel kam: "Eines Abends saß ich nach unserem Auftritt in der Garderobe hinter der Bühne. Irgendein Kollege aus der Show, die in dem entsprechenden Theater in der Vorwoche gelaufen war, hatte auf dem Tisch ein altes Geschichtsbuch liegen lassen. Ich blätterte ein bißchen darin herum und stieß dabei auf eine Radierung oder eine Zeichnung, die einen berühmten römischen General zeigte, Scipio Africanus Major. Den Namen werde ich nie vergessen. Um seinen Kopf hatte er einen Lorbeerkranz gewunden (Lorbeer = engl. Laurel, d. Verf.). Ich betrachtete den Lorbeerkranz, und das Wort ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich sagte laut vor mich hin: 'Laurel, Laurel, Stan Laurel.' Stan, der mit irgend etwas anderem beschäftigt war, schaute auf und fragte: 'Was ist?' Ich sagte: 'Laurel, Stan Laurel. Wie findest du diesen Namen?' Daraufhin wiederholte auch er laut diese Kombination: 'Stan Laurel. Hört sich sehr gut an.' So kam er zu seinem Namen. Es war eigentlich ganz einfach." Leider ging es hinter den Kulissen jedoch nicht immer derart harmonisch zu, wie es diese Episode im nachhinein vermuten läßt. Im Gegenteil: In der Garderobe der beiden, die fortan als Stan und Mae Laurel firmierten, flogen in schöner Regelmäßigkeit die Fetzen. George Burns, damals ein Kollege des Paares, erinnerte sich: "Immer, wenn ich mit ihnen innerhalb eines gemeinsamen Programms auf der Bühne stand, schienen die Laurels sich Tag und Nacht zu streiten. Da die Umkleideräume sehr dünne Wände hatten, konnte man ihre lautstarken Auseinandersetzungen im ganzen Theater hören. Wenn man aber mal die Tür zu ihrer Garderobe öffnete, saßen sie beide ganz ruhig da und lächelten sich an, als sei nichts geschehen. Sobald aber die Tür wieder geschlossen wurde, fingen sie erneut mit ihrem Krach an."
Als Stan und Mae eines Tages in Los Angeles auf der Bühne standen, bemerkte der Besitzer des Theaters, daß der junge Mann auf der Bühne durchaus genügend komisches Potential besaß, um auch auf der Kinoleinwand eine gute Figur abzugeben. Adolph Ramish, so sein Name, beauftragte daraufhin den Regisseur und Schauspieler Bobby Williamson, sich eine Geschichte für Stan auszudenken, um daraus einen Pilotfilm für eine geplante Reihe von Kurzkomödien zu drehen. Gemeinsam mit Stan entwickelte dieser daraufhin eine mäßig lustige Story. "Nuts In May" hieß das Werk, und Stan spielt darin einen Irren, der - bekleidet mit Frack und Napoleonhut - aus einer psychiatrischen Anstalt entflieht. Als der Film in Ramishs Theater voraufgeführt wurde, saßen auch Charlie Chaplin und Carl Laemmle im Publikum, damals der Boß der Universal Studios. Dieser schloß mit Stan daraufhin einen Ein-Jahres-Vertrag ab. So entstanden zunächst ein paar Streifen, in denen Stan in der Rolle des "Hickory Hiram" auftrat. Dabei bestand Mae stets darauf, in den entsprechenden Filmen neben ihrem Gatten agieren zu dürfen - ein Umstand, der Stan eigentlich gar nicht paßte. Denn die ewigen Streitereien während ihrer gemeinsamen Bühnenauftritte hingen ihm allmählich zum Halse heraus, und in den Dreharbeiten an den "Hickory"-Filmen hatte er eine willkommene Chance gesehen, Meas Wutausbrüchen zu entkommen. Hinzu kam, daß seine Frau zwar eine recht ordentliche Tänzerin und Sängerin war, als Filmschauspielerin jedoch nicht allzu viel taugte. Doch Stan war ganz einfach zu weichherzig, um seiner Gattin diese bittere Wahrheit ins Gesicht zu sagen, und so willigte er schließlich ein, sie an seiner eigenen Filmkarriere mitwirken zu lassen. Obwohl die (nach Stans Meinung ziemlich schlechten) "Hickory Hiram"-Streifen sich recht ordentlich verkauften, sah sich Laemmle aufgrund organisatorischer Probleme schon bald darauf veranlaßt, den Vertrag mit dem Ehepaar Laurel (und auch mit anderen Schauspielern) zu kündigen. So war Stan letztlich gezwungen, mit seiner Mae abermals auf die Bühnenbretter zurückzukehren - die Filmkarriere schien zumindest fürs erste auf Eis gelegt. Nur hin und wieder engagierte man ihn für einzelne Kurzkomödien; so drehte er etwa für Hal Roach im Jahre 1918 insgesamt fünf Zehnminuten-Filmchen, die allesamt recht harmlos und unspektakulär ausfielen, sowie den in Laurel und Hardy-Fankreisen legendären Streifen "The Lucky Dog", in welchem er erstmals seinem späteren, langjährigen Filmpartner Oliver Hardy begegnete. Der Produzent eben dieses Streifens war es dann auch, der Stan im Jahre 1922 - quasi als Abwechslung zu dessen ständigen Bühnenauftritten - erneut für eine Serie von Zweiaktern verpflichtete. "Broncho Billy" Anderson war es nämlich inzwischen endlich gelungen, mit Hilfe des vier Jahre zuvor als Pilotfilm entstandenen "The Lucky Dog" Geldgeber aufzutreiben, um ein paar Parodien bekannter und erfolgreicher Spielfilme zu finanzieren. So entstand mit Stan in der Hauptrolle beispielsweise "Mud And Sand" ("Schlamm und Sand"), eine Verhohnepiepelung von Rudolf Valentions "Blood And Sand" ("Blut und Sand"), in der Stan als Rhubarb Vaselino (!) agierte. Doch auch die erneute Zusammenarbeit mit Anderson hielt nicht allzu lange an, da sich der finanzielle Erfolg der Kurzfilmparodien in Grenzen hielt. Fortsetzung fand seine Filmkarriere dann kurz darauf bei Hal Roach, der ihn ab 1923 für rund zwei Dutzend Einakter verpflichtete. All diese Streifen waren mit der für die damalige Zeit üblichen Menge an fulminanter Handlung vollgepackt, für Logik und sorgfältige Erzählstrukturen blieb nicht viel Raum. Es galt, in den zur Verfügung stehenden zehn Minuten so viel action unterzubringen, wie irgend möglich. Da Stan in einigen der Filme das Vergnügen hatte, neben manch attraktiven jungen Damen vor der Kamera zu stehen, wurde seine Ehefrau schon bald äußerst nervös und eifersüchtig. Sie bestand darauf, neben dem Gatten auf der Leinwand in Erscheinung zu treten - so, wie es früher auch gewesen war. Stan, der genau wußte, daß er seiner Frau in dieser Hinsicht kaum widersprechen durfte (andernfalls hätte er pausenlose Ehekräche riskiert) machte sich gegenüber den unterschiedlichsten Produzenten für seine aufdringliche Partnerin stark, doch verständlicherweise zeigte von diesen keiner so rechte Lust, mit der zänkischen Mae zusammenzuarbeiten.
Die Angebote wurden daher immer seltener, und allmählich begann die finanzielle Lage ernst zu werden. Doch Perce Pembroke, Regisseur und gleichzeitig ein guter Freund Stans, wollte den von ihm sehr geschätzten Komiker nicht länger am Hungertuch nagen sehen. Er begab sich zum Produzenten Joe Rock, der früher ebenfalls als Schauspieler gearbeitet hatte und tatsächlich Interesse an Stan zeigte - unter der Voraussetzung, daß Mae aus dem Spiel blieb. "Als Stan zu mir kam", erinnerte sich Rock später gegenüber John McCabe, "erklärte ich ihm den Sachverhalt. Ich war bereit, ihm einen Vorschuß zu geben, obwohl ich überhaupt nicht sicher war, eine Serie von Laurel-Kurzfilm-Komödien verkaufen zu können. Er sollte sich erst einmal neue Klamotten und einige andere zum Leben notwendige Dinge kaufen, während ich im Osten versuchen würde, die Verleiher zum Ankauf einer Laurel-Serie überreden wollte. Ich erzählte Stan, daß ich mein Geld keinesfalls riskieren wolle, falls er darauf bestehen würde, Mae in seinen Filmen mitwirken zu lassen. Er stimmte mir zu und sagte, er könne mich verstehen. Das Hinterteil seiner Hose war mit Flicken übersät, und als er aufstand, zog er die Jacke herunter, um die Flicken zu verdecken. Er hatte die Löcher in seinen Schuhen mit Pappe gestopft und gestand mir, es sei ihm noch nie in seinem Leben derart dreckig gegangen. Ich gab ihm 1000 Dollar und fuhr dann nach New York." Doch bei den Verleihern stieß Rock auf Ablehnung: Diese erinnerten sich daran, daß Stan in der Vergangenheit (bedingt durch seinen Ehestreß) bisweilen etwas zu tief ins Glas geschaut hatte, und warnten den Produzenten, sich auf eine Zusammenarbeit mit ihm einzulassen. Doch der war fest davon überzeugt: Stan brauchte lediglich eine Arbeit, die er liebte - dann würde er auch "trocken" bleiben. So ignorierte er die düsteren Prophezeiungen seiner Gesprächspartner und beschloß kurzerhand, die zwölf geplanten Laurel-Filme auf eigenes Risiko hin zu produzieren. Der erste Streifen sollte "Detained" heißen, der Drehbeginn war für September 1924 vorgesehen. Stan half den Schreibern beim Verfassen des Drehbuchs, Rock verpflichtete die übrigen Darsteller und ließ in den Universal Studios die benötigten Kulissen errichten. Alles schien glatt zu gehen - bis einen Tag vor dem geplanten Drehbeginn, als Stan plötzlich in Rocks Büro auftauchte. "Obwohl er neben der Tür stehen blieb, konnte ich drei oder vier ziemlich tiefe Kratzer in seinem Gesicht erkennen", berichtete Rock später. "Ich konnte es nicht fassen. Stan sagte: 'Du wirst es nicht glauben, aber ich habe mit unserer Katze gespielt, und sie ist ein bißchen zu nahe an mein Gesicht gekommen und hat mich gekratzt.' Ich schaute ihn eine Minute lang an und fragte dann: 'Wie heißt deine Katze - Mae?' Er versuchte mir klarzumachen, daß diese Geschichte stimmte, aber nach einigen Minuten gab er schließlich doch zu, daß ich mit meinem Verdacht richtig gelegen hatte. Dann wollte er wissen, welches Kostüm Mae in dem geplanten Film tragen würde. 'Von welchem Film redest du?', fragte ich. Stan antwortete: 'Mae hat mich nach einer nächtlichen Auseinandersetzung überredet, daß wir beide unbedingt weiter zusammenarbeiten müssen. Sie will heute herkommen, um ihr Kostüm anzuprobieren, damit wir morgen pünktlich mit dem Dreh beginnen können.' Daraufhin sagte ich ihm: 'Stan, du weißt genau, daß ich nicht so blöd bin, dir oder Mae zu erlauben, sich in meine Geschäfte einzumischen. Wir haben einen Vertrag geschlossen, mit dem ihr beide einverstanden gewesen seid, und wir haben seit drei Wochen am Drehbuch gearbeitet, Kulissen aufgebaut, Leute engagiert, und nie wurde bisher auch nur ein Gedanke daran verschwendet, Mae in dem Film mitspielen zu lassen. Und jetzt kommst du, einen Tag vor Drehbeginn, und willst alles umwerfen!' Stan sagte: 'Du kannst es dir doch gar nicht erlauben, einfach das ganze Geld abzuschreiben, das du bisher in das Projekt gesteckt hast. Wenn Mae nicht mitmachen darf, dann steige ich auch aus.' Ich sagte ihm klipp und klar, ich könnte an seiner Stelle innerhalb kürzester Zeit ein ganzes Dutzend Schauspieler auftreiben, die scharf darauf seien, an seiner Stelle die Rolle zu übernehmen - auch, wenn sich der Drehbeginn dadurch etwas verzögern würde."
Rocks unnachgiebige Haltung zeigte Wirkung: Stan wurde unsicher, und um ihn mit der plötzlich scheinbar ausweglos gewordenen Situation nicht völlig alleine zu lassen, zitierte der Produzent spontan per Telefon Mae zu sich - "um über dein Kostüm für morgen zu sprechen", wie er vorgab. Doch in Wahrheit hielt er ihr eine Standpauke, die sich gewaschen hatte. Unmißverständlich machte Rock der arroganten Ehefrau klar, daß sie eigentlich schon immer ein Mühlstein im Nacken des Stan Laurel gewesen sei, und daß er bei ihrem Beharren auf einer Rolle im geplanten Film auch auf Stans Dienste verzichten werde. Mae brach angesichts dieser rabiaten Vorwürfe in Tränen aus, doch schließlich beruhigte sie sich und gab nach. "Beide verließen mich in besserer Stimmung, als ich erwartet hatte", erzählte Rock, "und Stans Kratzer haben wir mit dünnem Pflaster und make up überdeckt." Mae hielt ihr Versprechen und hielt sich von den Dreharbeiten fern, so daß Stan unter Joe Rock als Produzenten in unbeschwerter Atmosphäre eine Reihe gelungener Kurzfilme drehen konnte. Seine Begeisterung für die Arbeit ging sogar so weit, daß er niemals müde wurde, an neuen Gags zu feilen und sich im Anschluß an die Dreharbeiten die Szenen anzuschauen, die im Laufe des Tages entstanden waren. Darüberhinaus brachte er auch beim Schnitt der einzelnen Streifen seine Ideen ein - alles Tätigkeiten, die er auch später bei den Filmen mit Oliver Hardy mit ähnlicher Begeisterung ausüben sollte. Doch allzu lange währte Joe Rocks Freude an dem "Workaholic" Stan Laurel nicht - mitten während der Arbeiten an "Somewhere In Wrong" kam der Komiker plötzlich regelmäßig zu spät zur Arbeit und nörgelte an seinen Kollegen herum, wie es bis dahin niemand von ihm gekannt hatte. Standhaft weigerte er sich zudem, einzelne Szenen nachzudrehen, die nach Meinung des Produzenten nicht ganz so gelungen waren. Dieses merkwürdige Verhalten behielt er auch während der Arbeiten an den folgenden Filmen bei, so daß für Rock klar war: An Stans Wandlung hatte Mae sicherlich einen nicht unmaßgeblichen Anteil. Er stellte sein hoffnungsvolles Talent daher zur Rede, und tatsächlich gestand Stan, daß Mae sauer sei, nicht mit ihm gemeinsam vor der Kamera agieren zu dürfen. Nächtelang seien sie darüber wieder in Streit miteinander geraten. Mae habe ihn zuvor vergeblich dazu überreden wollen, auf die Bühnenbretter zurückzukehren, um ihre dort begonnene gemeinsame Karriere fortzusetzen. Da Mae zu diesem Zeitpunkt von den USA die Nase ohnehin gestrichen voll hatte, sah der Produzent in diesem Moment eine einmalige Gelegenheit gekommen: Er wollte Mae die Rückkehr in ihre Heimat Australien bezahlen. Bedingung: Sie mußte versprechen, nie wieder zurückzukehren! Auch Stan zeigte sich von der Aussicht, künftig ohne die dauernden Streitigkeiten in Ruhe arbeiten zu können, sehr angetan, und willigte nur allzu gerne in Rocks Vorhaben ein. Tatsächlich gelang es dem engagierten Produzenten schließlich, Mae für immer auf die Heimreise zu schicken - immerhin 1000 Dollar "Bearbeitungsgebühr" (unter anderem für neue Kleidung) war ihm dieser Akt der Befreiung wert. Am Tag von Maes Abreise unternahm Rock zudem alles, um in Stan eine plötzliche Aufwallung der Gefühle zu unterdrücken. So hatte er bereits eine Woche vor Maes endgültigen Abschied seinen eigenen Bruder Murray damit beauftragt, Stan quasi rund um die Uhr abzulenken. Und am Tag, als Maes Schiff sich endlich auf die Reise machte, luden Murray und seine Frau Stan zu sich nach Hause zum Essen ein. Zweiter Gast an diesem Abend war eine blonde, attraktive Schauspielkollegin Stans: Lois Neilson - nicht nur vom Aussehen, sondern auch vom Charakter her so ziemlich das genaue Gegenteil zu Mae. In entspannter Atmosphäre saßen die vier beisammen, als plötzlich das Telefon klingelte. Am Apparat war Joe Rocks Ehefrau, die Stan mitteilte, Mae befinde sich in diesem Moment unweigerlich an Bord eines Schiffes nach Australien. "Stan stieß einen Freudenschrei aus", erzählte Rock später, "und vollführte einen Luftsprung. Er griff mich und Murray, umarmte uns und hatte Tränen in den Augen. Er sagte, wir seien die beiden besten Freunde, die er jemals gehabt habe, besser noch als sein Vater oder seine Brüder. Er versprach, für mich die besten Komödien zu machen, die jemals entstanden seien." (Der charmanten Lois versprach er ein wenig später, am 23. August 1926, sogar die Ehe.)
In der Folgezeit drehte Stan für Rock tatsächlich eine Reihe entzückender Kurzfilmkomödien, in denen er allmählich jenen Charakter entwickelte, der ich in ähnlicher Form später in den Laurel und Hardy-Filmen wiederfinden sollte: einen jungen Mann, hinter dessen freundlichem €ußeren sich ein geradezu kindhaftes Gemüt verbirgt. Dabei spielte er diesen Part jeweils mit einem ganz speziellen Charme und einer Überzeugungskraft, die ähnliche Darbietungen anderer Schauspielkollegen deutlich verblassen ließ. Was eigentlich jeder Zuschauer von einem Akteur erwartet, traf bei Stan in ganz besonderem Maße zu: Man nahm ihm seine kindliche Gutgläubigkeit als "echt" ab, sie wirkte rundum glaubwürdig. "Damals beabsichtigte ich, für ein paar der Laurel-Komödien Babe Hardy als Darsteller zu verpflichten", erinnerte sich Rock. "Aber Stan wollte das nicht. Das war auch ganz verständlich, denn seinerzeit verspürte eigentlich kein Top-Komiker allzu große Lust, neben einem gleichberechtigten anderen Komiker aufzutreten - es sei denn, der andere hätte sich darauf beschränkt, lediglich als Stichwortgeber oder eine Art Abziehbild zu agieren. Die Vergangenheit hatte nämlich gezeigt, daß Paare mit gleichberechtigten Komikern aus Neid häufig auseinanderbrachen. Stan weigerte sich, mit Babe Filme zu drehen, weil er sich sagte: Jeder Schauspieler auf der Leinwand, der in seiner Rolle als Schurke beim Publikum auf Lacher aus ist (wie Babe es war, d.Verf.), wird letztlich zum Konkurrenten des eigentlichen Komödianten." Doch auch ohne Babe Hardy als Partner entpuppten sich die Stan Laurel-Komödien als Renner, die landauf-landab in den Kinos gespielt wurden. Dieser Erfolg blieb natürlich auch einem von Rocks Konkurrenten, Hal Roach, nicht verborgen. Mit einem lukrativen Vertrag gelang es ihm, Stan von Rock "loszueisen" und als Drehbuchschreiber und Regisseur zu verpflichten. Letzterer konnte seinem davonziehenden Star immerhin noch das Versprechen abringen, für Roach nie vor, sondern lediglich hinter der Kamera zu agieren. "Was hätte ich denn machen sollen?", rechtfertigte Rock seine damalige Bitte später, "ich sagte zu Stan: Hör zu, ich will dich nicht davon abhalten, dein Leben so zu gestalten, wie du es für richtig hälst. Aber wenn du als Schauspieler für Hal Roach Filme drehst, die den Verleihern später als Stan Laurel Comedies angeboten werden - was soll ich dann meinen eigenen Verleihern sagen, mit denen ich selbst auch einen Vertrag über die Lieferung von Stan Laurel Comedies abgeschlossen habe?" So erstaunlich es sich angesichts Stans Erfolgs als Komiker zunächst auch anhören mag: Er willigte in Rocks Bitte ein und beschloß, bei Hal Roach fortan nur noch als Drehbuchschreiber und Regisseur zu fungieren. Da ihn das "Drumherum" seiner eigenen Komödien schon immer interessiert hatte, fiel ihm dieser Schritt nicht allzu schwer. Daß er dieses Versprechen schon bald darauf brechen sollte und es somit überhaupt zu einer Filmpartnerschaft mit Oliver Hardy kommen konnte, war - wie sollte es auch anders sein - wieder einmal auf einen jener unglaublichen Zufälle zurückzuführen, die bekanntlich das Leben schreiben. |
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